Interview: Paul Stubert zur Barrierefreiheit digitaler Angebote
Let’s talk! Wir beraten Sie gerne zu Ihrem Projekt
Herr Stubert, braucht es wirklich ein Gesetz, um digitale Angebote barrierefrei zu machen?
Ja, ich glaube, es braucht leider ein Gesetz, um eine gewisse Aufmerksamkeit zu erzeugen. Fast 93% der weltweit meistgenutzten Web-Angebote sind nicht barrierefrei. Daran sieht man, dass es eine Art Initialzündung braucht. Und es ist auch deswegen sinnvoll, weil viele Unternehmen das riesige Potenzial, das sich durch die Barrierefreiheit ergibt, bislang noch nicht nutzen.
Können Sie dieses Potenzial näher beziffern?
Der Markt ist riesig. Es gibt allein in Europa 87 Millionen Menschen mit Behinderung. Das heißt, Millionen von Usern können die bestehenden digitalen Angebote gar nicht voll nutzen.
Dann ist dieses Gesetz also mehr als notwendig …
Ich denke schon und man sollte es einfach als Chance begreifen. Was man neben den 87 Millionen, von denen ich gerade sprach, nicht vergessen darf: Es gibt natürlich auch viele Nutzer, die digital nicht sehr affin sind und viele Ältere, die definitiv auch davon profitieren werden.
Können Sie uns ein Projekt aus Ihrem Agenturalltag nennen, in dem Sie mit Usability ein digitales Produkt verbessert haben?
Gerne. Ein Beispiel wäre ein Kunde mit einem Onlineshop für Sauerstoffmasken, die man braucht, wenn man unter Schlafapnoe leidet. Die Krankheit tritt vorwiegend bei Leuten jenseits der 60 auf. Das heißt, hier haben wir eine Zielgruppe, die nicht als Digital Natives aufgewachsen ist und die natürlich davon profitiert, wenn Seiten einfach erfassbar sind.
Wenn sich also ein 75-jähriger User mit Sehschwäche auf seinem iPad besser durch den Checkout navigieren kann, wird er sich auch beim nächsten Kauf für den Shop entscheiden, der barrierefrei gestaltet ist, weil für ihn das Einkaufserlebnis einfach ist und dadurch viel Vertrauen erzeugt. Bei unserem Kunden bedeutete “besser erlebbar” am Ende dann eben auch, dass die Conversionrate stieg.
Welche Barrieren baut das neue Gesetz ganz konkret ab?
Also, das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, wie es korrekt heißt, richtet sich an den Web Content Accessibility Guidelines aus. Die definieren, wann ein digitales Produkt barrierefrei ist. Dazu gehört z.B. eine klare Seitenstruktur, eine klare Headline-Hierarchie, Links sollten verständlich benannt werden, Formulare sollten übersichtlich sein, Fehlermeldungen eindeutig. Ein schöner “Nebeneffekt”, wenn man es so nennen will, ist die technische Suchmaschinenoptimierung, die von solchen Verbesserungen auch massiv profitiert. Da fällt auch so etwas wie die Vergabe von Alt-Tags rein. Oder die Verbesserung von interaktiven Komponenten, wie z.B. Buttons.
Sie bieten Unternehmen ein sogenanntes Accessibility-Audit an. Was passiert da?
Was wir in diesem Audit zuerst machen, ist eine Bestandsaufnahme. Das heißt, wir gucken uns das Produkt oder die Website an und betrachten das Ganze auf drei Ebenen: technisch, visuell – also in Bezug auf die UI und UX – und inhaltlich, denn alle diese Ebenen haben eine Relevanz für das BFSG.
Können Sie mal einen Aspekt herausnehmen?
Nehmen wir die Bedienbarkeit. Es muss z.B. möglich sein, eine Website nur über die Tastatur bedienen zu können, da kognitiv eingeschränkte Menschen oft die Maus nicht bedienen können. Jeder kann das ganz einfach mal selbst ausprobieren: Auf eine beliebige Website gehen und nur die Tabulatortaste drücken – die Taste mit dem Pfeil nach rechts. Und dann mal gucken, ob man über diese Taste durch alle Sektionen auf der Seite springen kann. Was passieren sollte: Man geht zuerst durch die einzelnen Navipunkte, wenn sich die Navigation oben befindet, und springt dann Sektion für Sektion bis nach unten.
Okay, kommen wir nochmal zurück zu Ihrem Audit.
Die Bestandsaufnahme ist wie gesagt der erste Step. Die Seiten werden geprüft, anschließend erstellen wir daraus ein Lastenheft. Das Lastenheft beinhaltet alle Optimierungsvorschläge, die nötig sind, um die Seite gesetzestreu zu gestalten. Als Full-Service-Agentur bieten wir außerdem noch an, dass wir die bei der Umsetzung der identifizierten Schwachstellen den Kunden nicht allein lassen, sondern sie für ihn übernehmen.
Wie viel Zeit sollte ein Kunde für ein solches Audit einplanen?
Das hängt natürlich ganz vom Umfang des Produkts oder der Website ab. Tendenziell geht das Audit, also die Analyse der Seite, relativ schnell. Auch die Erstellung des Lastenheftes. Wenn es an die Implementierung geht, gibt es einige Variablen, z.B. die Frage, wie gut ist die Codebase, also wie gut ist das Ganze aufgesetzt? Wie gut kann man den Code modifizieren? Wie viele Schwachstellen haben wir überhaupt entdeckt? Wie viele Seiten gibt es? Wie umfangreich ist der Inhalt? Wenn man das mit ein bisschen Druck angeht, kann man das aber recht schnell umsetzen.
Nicht zu vergessen: das BFSG greift ja bereits ab Juni 2025 …
Es ist auf jeden Fall sinnvoll, hier zügig loszulegen – auch, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Außerdem soll noch Ende 2024 eine neue Version der Web Content Accessibility Guidelines veröffentlicht werden, die dann drei, vier neue Richtlinien enthalten sollen. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass diese Guidelines sich stetig weiterentwickeln werden. Gerade auch in Bezug auf den technischen Fortschritt von Hilfsmitteln, die Menschen mit Behinderung in Zukunft verwenden können.
Wir sprechen jetzt immer vom Optimum. Welche Barrieren nerven Sie als privater User?
Also am meisten stören mich eigentlich technische Bugs oder Probleme. Jedes digitale Produkt und jede Seite muss technisch funktionieren. Das heißt, wenn ich irgendwo klicke, sollte das passieren, was ich erwarte. Leider sieht man immer wieder bei Apps auch großer Anbieter, dass sie nicht reagieren oder abstürzen.
Die zweite Sache, die nicht nur mir Probleme bereitet, ist eine UX, die nicht frei von Trends ist. Es gibt gerade einen Hype, alles über sogenannte Bottom Sheets zu lösen. Die findet man z.B. bei Sonos, Spotify oder diversen Banking-Apps. Man klickt auf etwas und dann fährt von unten ein Overlay über den Screen, auf dem man sich gerade befindet. In diesem Sheet klickt man wieder auf etwas und dann fährt sich ein weiteres drüber. Und so werden ganz viele Sheets übereinander gestackt.
Noch bis vor einem Jahr war diese Praxis total verpönt, doch ich glaube, Trends, die durch bestimmte Frameworks und durch große Player wie Apple oder Android gesetzt werden, führen beim User zu einer gewissen Gewöhnung. Wenn man dann in seiner eigenen Appentwicklung gegensteuert, ist die irgendwann nicht mehr intuitiv, weil es zwischenzeitlich anders gelernt wurde.
Eine letzte Sache, die ich gerne noch erwähnen möchte, ist die unterschätzte Kraft von UX-Copies. Also was steht eigentlich genau auf CTAs, auf Buttons oder in Eingabefeldern? Richtig gute Microcopy hat einen enormen Impact!